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Konzertkritik: Mendelsohn - Paulus

Mendelssohn-Oratorium gesungen und gelebt
Der Singkreis Egg begeistert mit seinem Konzert mit Mendelssohns «Paulus»-Oratorium

Der Singkreis Egg unter der Leitung von Walter Riethmann überzeugte sein Publikum mit einer unvergleichlich berührenden, äusserst professionellen Interpretation des Oratoriums «Paulus» von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Leider erwies sich die Kirche als zu klein, etliche Interessierte fanden keinen Platz.
Fast aus den Nähten platzte die reformierte Kirche Egg am Sonntagabend. Dass Aufführungen des Singkreises Egg schon immer Publikumsmagnete waren, ist nichts Neues. Selten aber mussten so viele Menschen wieder nach Hause geschickt werden, da in der Kirche kein einziger Stuhl mehr aufzutreiben war.
Gespannt horchten die Glücklichen, die es sich hatten bequem machen dürfen, den ersten Klängen und tauchten nach und nach ab in die wunderschonen Klangfüllen der Mendelssohnschen Tonwelten. «Herr! Der du bist der Gott, der Himmel und Erde und das Meer gemacht hat», strahlte der Chor nach der Ouvertüre und subtil getragen vom Consortium Musicum und Gerhard Veser an der Orgel, bestach vom ersten Ton an die Harmonie und Reinheit, die Ausgewogenheit und Sensibilität. Man hatte das Gefühl, dass nicht Musik gemacht, sondern von Chor und Musikern gelebt wurde.

Solisten mit Format

Die Sopranistin Anna Maria Locher übernahm mit ihrem Part die Rolle der Erzählerin. Ausdrucksstark und sauber auch in hohen Passagen beeindruckte sie nicht nur durch Stimmgewalt, sondern auch durch sensible und angepasste Intonation. Das Zusammenspiel mit Chor, Orchester und dem Dirigenten Walter Riethmann war so reibungslos und selbstverständlich, wie man es selten findet.
Ebenso engagiert und souverän taten es Anna Maria Locher ihre Solistenkameraden gleich: «Vertilge sie, Herr Zebaoth, wie Stoppeln vor dem Feuer», drohnte es und Debora Imholz (Mezzosopran), Felix Rienth (Tenor) und Bruno Vittorio (Bass) zogen alle Register ihrer Gesangeskunst. Wie im Fluge verging bei solch himmlischen Klängen die erste «Halbzeit».

Ganz und gar überzeugend

Anerkennung und Lob über Gehortes und Erlebtes, Vorfreude auf noch zu Geniessendes, dies und anderes war bei vielen dann auch Thema des Pausengespräches. Begeisterung über die Leistung der Sängerinnen und Sänger, der Musikerinnen und Musiker und die Reichhaltigkeit des Oratoriums gab Anlass zu Lob und Bewunderung. Nicht zu Unrecht bezeichnet man dieses Werk Mendelssohns als eines der wichtigsten Oratorien des 19. Jahrhunderts. Die lyrischen Betrachtungen in den Arien und in den Chorälen überzeugten in ihrem Ausdruck ebenso wie das dramatische Element, das in den grossen Chorpassagen anzutreffen war.

Ein weiter Spannungsbogen

Auch nach der Pause hielt die Aufmerksamkeit der Zuhorenden und der Darbietenden ungebrochen an. Erstaunlich, wie Walter Riethmann es schaffte, den Spannungsbogen und die Konzentration gleichmässig aufrechtzuhalten. Der Chor, die Musikerinnen und Musiker leisteten scheinbar spielerisch leicht seinem Dirigat Folge, liessen sich führen und bewahrten dennoch eine musikalische Eigenständigkeit.
Viel zu schnell war der letzte Ton des Oratoriums verklungen. Manch einer mochte sich vielleicht anfangs gedacht haben, dass zweieinhalb Stunden Mendelssohn doch ein harter Sonntagabend-Musikbrocken sei, aber nach dem Konzert gab es niemanden, der nicht mit tosendem Applaus bekundete, dass man gut und gerne noch länger hätte zuhoren konnen. Doris Gerber

© «Der Zürcher Oberländer» / «Anzeiger von Uster»

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